Krieger trinken Tee

Von Helene Aecherli, 9. August 2014

Sie trinkt ein Bier, er wärmt seine Hände an der Teetasse: Die Getränke-Asymmetrie

Als wir die Lounge betraten, hatte es eben aufgehört zu regnen. Im Hintergrund lief gedämpfter House, die Luft war erfüllt vom Geruch des Seewassers, der Holzboden dampfte, obwohl es Abend war, wärmten die Sonnenstrahlen schnell,wir hätten ebenso gut irgendwo in den Tropen sein können, vom Monsun-Schauer in eine Bar getrieben. Es war zwar bloss ein banaler Montagabend, aber egal, ich liebe Sommerregen, zudem hatte ich endlich einen Text abgeliefert, war in euphorischer Stimmung, hatte Lust, den Wochenbeginn und mich selbst zu feiern, kurz: Lust auf ein eiskaltes Bier.  „Ich hätte gerne eine Stange“, rief ich dem Kellner übermütig zu, „aber eiskalt, bitte!“ Ich freute mich auf das Anstossen, auf den Moment, da die Gläser aneinander prallen, und auf das Hochgefühl, das dabei mitschwingen würde – „für mich bitte einen Tee“, sagte mein Begleiter, „habt Ihr Pfefferminztee?“ – „Einen Tee?“, fragte ich entsetzt. „Einen Tee?“, fragte der Kellner verdutzt. Mein Begleiter nickte. „Yepp, einen Tee.“ Ich muss das Gesicht in meiner Ernüchterung schmerzhaft verzogen haben, denn er sah mich erstaunt an. „Yepp, einen Tee!“, wiederholte er und tauchte den Beutel, als der schliesslich serviert wurde, gelassen ins mikrowellen-erhitzte Wasser. Er zog die Augenbrauen hoch:  „Was hast du denn? Krieger trinken Tee. Das haben auch die Samurai vor ihren Kämpfen immer getan.“

Warum die Samurai vor Kämpfen Tee getrunken haben, warum genau er sich als Krieger sieht und welchen Kampf er denn glaubte, vor sich zu haben, haben wir nicht ergründet, obwohl dies durchaus interessant gewesen wäre. Wir stiessen an, aus purem Pragmatismus, fast schon eine Reflexhandlung, Bierglas gegen Keramiktasse, es war, als wären bei einem Vibrator eben die Batterien ausgegangen. Ich fühlte mich merkwürdig geknickt. Während der zerdrückte Teebeutel auf dem Unterteller langsam trocknete, nippte ich an meinem Bier und fragte mich, warum mich diese Getränke-Asymmetrie so ärgerte. Fühlte ich mich in meinen Bedürfnissen nicht wahrgenommen? Hatte ich vielleicht zu wenig deutlich kommuniziert, dass ich etwas zum Feiern hatte? Denn nüchtern betrachtet, ist es an einem Montagabend äusserst vernünftig, Tee statt Bier zu trinken. Zudem hat jeder die Freiheit, das Getränk zu wählen, das ihm guttut oder worauf er Lust hat. Ich hätte es ja auch cool finden können, dass ein Mann so selbstbewusst ist, in einer apéro-geschwängerten Atmosphäre Pfefferminztee im Hängebeutel zu bestellen.

Umgekehrt ist die Getränke-Asymmetrie Konvention: Er trinkt Bier, sie Mineralwasser ohne Kohlensäure. Er wählt den würzigen Pinot Grigio, sie einen Prosecco. Er will den schweren Roten, sie den leichten Pinot Noir, er gönnt sich nach dem Essen einen Whisky, sie nimmt einen Cappuccino, Verveinetee oder wenns hoch kommt, ein Schweppes. Der Sommelier bringt die Weinkarte noch immer meist dem Mann und fragt die Frau, was sie denn gerne für ein Wasser hätte (es kommt zwar immer öfter vor, dass sich ein Kellner vorsichtig danach erkundigt, wem er die Weinkarte geben darf). Und wenn auf dem Seviertablett eine Apfelschorle und ein Glas Rotwein stehen, kriegt sie automatisch die Apfelschorle, auch wenn sie den Wein bestellt hat, und er die Apfelschorle, weil er halt lieber Schorle mag als Rotwein, was den Kellner zu einem amüsierten Grinsen hinreisst oder einem verlegenen „oh, Entschuldigung“.

Wenn er nun also ein Bier und ich den Tee bestellt hätte, wäre es mir kaum in den Sinn gekommen, irritiert zu sein. Ihm wäre das sowieso egal gewesen. Das legt nun die unangenehme Schlussfolgerung nahe, dass ich derart in den plumpsten Konventionen verhaftet bin, dass ich mich schon aus der Fassung bringen lasse, wenn ich ein Bier trinke, während er seine Hände an der Teetasse wärmt. Ist denn Bier zwingend männlich und Tee Frauensache? Und warum wähle ich überhaupt ein alkoholisches Getränk, wenn ich etwas feiern will? Wirklich souveräne Menschen zelebrieren doch selbst mit Leitungswasser, wenn es sein muss, das Hochgefühl erreichen sie kraft der Ausrichtung ihrer Gedanken und konsequentem Bei-sich-Seins. Brauchen die dafür ein Bier? Nein. Solche Stimmungskrücken wären viel zu banal. So betrachtet ist es denn auch vollkommen irrelevant, wenn ich mich dahingehend rechtfertige, dass ein eiskaltes Bier etwas ist, das ich nicht täglich geniesse, es das Besondere vom Alltag abhebt, dass es folglich ein feierliches Ritual sein kann, das ich gemeinsam mit jemandem begehen will. Tee hingegen, trinke ich bei Kummer, Kälte und Grippe. Schliesslich fehlten mir bis anhin ja auch die Assoziationen mit den Samurai.

Eine britische Freundin hingegen meinte bloss ungerührt: „Honey, if you want to celebrate and he orders tea, it’s a turnoff. It’s as simple as that.“

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