Die Welt in Unordnung: Sie will Fussball, er Sex

Von Helene Aecherli, 27. Juni 2014

Während der Fussball-WM sitzen die Jungs auf dem Sofa, die Frauen auf dem Trockenen. Was aber, wenn es mal umgekehrt ist?

Bei Fussball-Grossturnieren werden die Damen routinemässig ihm richtigen Umgang mit dem männlichen Geschlecht belehrt, damit es in den heissen Wochen von weiblicher Seite her weder zu Fehlgriffen noch Grenzüberschreitungen kommt. Das heisst vor allem:  zu akzeptieren, dass er während dieser Wochen einfach ein Mann ist, der sich auf den Ball konzentrieren will, und deshalb nicht auch noch Kapazitäten freimachen kann für sexuelle Spielereien. Es gilt: Der Fussball ist rund, der Globus ist es auch. Alles andere prallt daran ab. Was wiederum bedeutet, dass eine wohlmeinende, clevere Partnerin/Ehefrau/Freundin/Geliebte in dieser Zeit höchstens in dem Sinne Avancen macht, als dass es darum geht, ihm ein Bier (eiskalt) ans Sofa zu bringen, ihn sanftweich mit einem „Bleib so lange du willst Schatz“ zu verabschieden, wenn er sich zum Matchschauen mit den Kumpels aufmacht,  oder ihn zu trösten, falls seine Lieblingsmannschaft verliert. Auf keinen Fall aber sollte sie sich anmassen, in dieser Phase an Sex zu denken. Falls sie es dennoch tut und sie ausgerechnet dann von überschwänglicher Lust übermannt wird, ziemt sich die Flucht unter die kalte Dusche, der Griff nach einem Sextoy (Erotikspielzeug soll zu dieser WM sogar verbilligt worden sein, um das Leiden der Frauen zu lindern) oder, wenns halt nicht anders geht, dann eben ein heisser Flirt mit einem anderen. Kaum ein Mann, der nicht irgendwie Verständnis dafür hätte.

Dergestalt ist  also die Etikette des sexuell korrekten Verhaltens, das wir selbstverständlich alle längst verinnerlicht haben und selbstverständlich auch längst nicht mehr schlimm finden. Im Gegenteil: Es ist das einzig Richtige. Denn in der Tat: Fussball kann einen in Beschlag nehmen, den Atem rauben, im Bann halten. Er ist ein grossartiger Sport, und der braucht Raum, immer öfter gerade auch für uns Frauen – nein, nicht wegen der muskelbepakten, mühlenden Pobacken der Spieler oder der Brustwarzen-enthüllenden-Trikots – oder sagen wir: in den wenigsten Fällen deswegen – sondern wegen des Kampfs um den Ball, wegen der Tricks, der Duelle und des Tempos und nicht zuletzt auch wegen der Dramen, des Schweisses, der Beissattacken, der Wutausbrüche. Herrlich! Will man denn da gestört werden? Nein! Und so kann es dieser Tage denn tatsächlich geschehen, dass es zur folgenden Szene kommt:

Sie (auf dem Sofa, Füsse auf dem Couchtisch, nimmt gerade einen Schluck Bier (eiskalt): „Ahh, endlich, es geht los! Hopp Schwiiiiz!“
Er (starrt fasziniert auf ihre Kehle): „Schluck noch mal, Schatz. Ich stelle mir gerade so vor, wie es wäre, wenn….“
Sie: „Es gibt noch mehr Bier im Kühlschrank.“
Er: „Nein, ich meine, ich stelle mir gerade so vor, wie du so richtig schön schluckst….“
Sie: „Ja, hmm…. oh, ja! Ja! Ohh, das war nahe! Fuck!“
Er: „Ich lege dich auf deinen Bauch, spreize langsam deine Beine, küsse die Innenseite deiner Oberschenkel, komme höher und immer höher…“
Sie: „Honey! Ich schaue jetzt Fussball!“
Er: „Multitasking, Liebste!“
Sie: „Ich muss mich jetzt konzentrieren…. Ja…Ja… Jaaa!“
Er: „Ach, das ist jetzt so gender-equal. Ist es das, was wir wollten? Nichts gegen gleiche Löhne und Vaterschaftsurlaub und so, aber…“
Sie: „Was…?“
Er: „Ich könnte mir jetzt deine wunderbaren Zehen vornehmen…“
Sie: „…wenn du mir die Sicht auf den Fernseher nicht versperrst.“
Er:  „…oder du könntest auf mir sitzen und den Match über meine Schulter hinweg schauen….“
Sie: „Goaaaaaal! Goaaaall! Goaaaal!“
Er: „…oder ich nehm dich von hinten…..“
Sie: „Goaaaaaal! Goaaaall! Goaaaal!“
Er: „….oder ich pack dich jetzt einfach und schmeiss dich aufs Sofa….“
Sie: „Liebling, wie wärs mit einer kalten Dusche?“
Er: „Zu kalt.“
Sie: „Holzhacken?“
Er: „Zu rudimentär.“
Sie: „Sextoy?“
Er: „Ach!“
Sie: „Holst du mir noch ein Bier?“

Die Szene hatte übrigens für alle Beteiligten ein Happy End. Denn auch dieses Fussballspiel dauerte bloss neunzig Minuten – plus Nachspielzeit.

 

 

 

 

 

 

 

 

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