Sexuelle Gewalt in Kriegsgebieten – grauenvolle Verbrechen

Von Helene Aecherli, 13. Juni 2014

Der ostkongolesische Gynäkologe Denis Mukwege nennt sexuelle Gewalt in Kriegsgebieten schlicht „genitalen Terrorismus“. Es ist die billigste Form der Kriegsführung. Weltweit sind Millionen von Frauen davon betroffen. Diese Woche fand in London eine Konferenz statt, die diesen Kriegsverbrechen den Kampf ansagt. Das war höchste Zeit.

Kann man sich vorstellen, wie es ist, zusehen zu müssen, wie vermummte Kämpfer Mutter, Schwester oder die kleine Tochter vergewaltigen und sie danach noch verstümmeln? Kann man sich vorstellen, wie es ist, als hochschwangere Frau in den Busch geschleppt, auf den Boden geworfen und von Soldaten geschändet zu werden? Kann man sich vorstellen, wie es ist, aus dem eigenen Haus entführt und nach stundenlanger Autofahrt in einem stickigen Raum eingesperrt und geschlagen zu werden und fast erstickt vor Angst darauf zu warten, bis sie wieder kommen und einem das antun, worüber man nie würde sprechen können?

Nein, man kann es sich nicht, will es sich nicht vorstellen. Und tut man es trotzdem, und sei es noch so schemenhaft, läuft man Gefahr, sich kaum mehr von diesen Vorstellungen lösen zu können, denn sie verfolgen einen in ihrem unermesslichen Grauen.

Doch war und ist sexuelle Gewalt in sogenannten „Konfliktgebieten“ Alltag. Sie geschah im Ersten und  Zweiten Weltkrieg,sie geschah im Bosnienkrieg, sie geschieht jetzt, in diesen Augenblicken  im Irak, in Syrien, in Nigeria, in Teilen Afghanistans, in der Zentralafrikanischen Republik, im Ostkongo, in Somalia, im Südsudan, die Liste scheint von Tag länger und länger zu werden, weltweit sind Millionen von Frauen betroffen –  die Täter hingegen, gehen meist straflos aus. Noch immer wird sexuelle Gewalt gegen Frauen (und auch Männer) gerne als „soft issue“ betrachtet, als eine Nebensache, als ein im Krieg unvermeidlicher Kollateralschaden. Und noch immer verorten gar manche sexuelle Gewalt in Kriegsgebieten als Befriedigung des männlichen Sexualtriebs, „die Jungs“, heisst es, „müssen halt auch mal Dampf ablassen können“.

Doch ist sexuelle Gewalt eine gezielte Form der Kriegführung, eine der perfidesten und eine der billigsten dazu. Denn auf diese Weise „sucht man die Person, ihre Familie und ganze Gemeinschaften zu zerstören“, zitiert der TagesAnzeiger den ostkongoloesischen Gynäkologen Denis Mukwege, der in seinem Krankenhaus in der Provinzhauptstadt Bukavu seit zwei Jahrzehnten geschändete Frauen operiert. Werde eine Frau vor den Augen ihrer Familie misshandelt, würden alle zerstört. Er habe Ehemänner und Kinder gesehen, die deshalb den Verstand verloren haben.

Diese Woche wurde in London erstmals ein Gipfeltreffen zur Bekämpfung der sexuellen Gewalt in Kriegsgebieten durchgeführt, der „Global Summit to End Sexual Violence in Conflict“. Ziel des Gipfels war es, sexualisierte Gewalt als Kriegsverbrechen zu definieren, das strafrechtlich verfolgt werden kann. Zudem sollen Regierungen und ihre Armeen verpflichtet werden, Verhaltensnormen und Regeln in Konfliktgebieten zu befolgen. Kann sein, dass die Deklarationen und Protokolle erst mal, wie es so oft nach solchen Gipfeln, in die Unverbindlichkeit verschwinden, dass man deren Umsetzung „auf später“ verschiebt. Aber immerhin: der Grundstein ist gelegt. Und das war auch höchste Zeit.

https://www.gov.uk/government/news/animation-launched-for-summit-to-end-sexual-violence-in-conflict

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