„Mein Unterleib brannte. Von Gleitcreme und Kondomen“

Von Helene Aecherli, 19. Januar 2014

In ihrem Blogeintrag „An dich, der Sex kauft“ beschreibt die Dänin Tanja Rahm, was sie als Prostituierte bei ihrer Arbeit empfunden hat und rechnet gnadenlos mit ihren Freiern ab. Und sorgt damit für ziemlich viel Aufregung.

Tanja Rahm ist 36, Sexualtherapeutin, hat eine Tochter, lebt in Dänemark. Als Jugendliche flog sie von der Schule, wurde sexuell missbraucht, erhielt irgendwann die Diagnose „Borderline“, arbeitete von 1997 bis 2000 als Prostituierte in einem Bordell, anscheinend selbständig, ohne Zuhälter. Auf ihrem Blog tanjarahm.dk erschien anfangs Januar der Text „Til dig, der kober sex“, An dich, der Sex kauft.  Er wurde daraufhin in der norwegischen Zeitung „Aftenposten“ veröffentlicht, dann auf Deutsch auf welt.de und sorgt mittlerweile  europaweit für Klickraten in Rekordhöhe. Natürlich.  Denn das „Milieu“ fasziniert grundsätzlich, und erzählt eine ehemalige Prostituierte unverblühmt von ihrer Arbeit, fasziniert es umso mehr, und rechnet dieselbe ehemalige Prostituierte dabei erst noch sehr gezielt mit ihren Kunden ab, ist Empörung bei jenem zusätzlichen Lesersegment, das sich geneigt fühlt, empört zu sein, garantiert.

„Falls Du glaubst, dass ich jemals Lust auf Dich hatte, liegst Du schrecklich falsch“, schreibt Tanja Rahm nämlich gleich zu Beginn. „Nicht ein einziges Mal bin ich mit Lust zu meinem Job gegangen. Das Einzige, was mich beschäftigt hat, war, schnelles Geld zu verdienen. Verwechsle das nicht mit leicht, denn leicht war das nicht. Aber schnell, ja. Weil ich viele Tricks lernte, damit Du so schnell wie möglich kommst, so dass ich es vermeiden konnte, dass Du auf mir liegst, unter mir oder hinter mir. “ Und im selben Ton geht es weiter: „Wenn Du geglaubt hast, Du könntest bei mir Deine Männlichkeit stärken, indem Du versuchtest, mir einen Orgasmus zu bescheren, dann solltest Du wissen, dass ich Dir den Höhepunkt goldmedaillenreif vorgespielt habe. Ich habe ihn so gut gefälscht, dass die Telefonistin am Empfang vor Lachen fast vom Sofa fiel, wenn ich aus dem Laden ging. Womit hattest Du denn gerechnet? Du warst vielleicht Nummer drei, Nummer fünf oder Nummer acht an diesem Tag. Glaubtest Du wirklich, dass ich mental oder physisch angetörnt werden kann von einem Mann, den ich mir nicht selbst ausgesucht habe? O nein. Mein Unterleib brannte. Von Gleitcreme und Kondomen. Und ich war müde. So müde, dass ich mich zwingen musste, die Augen offen zu halten, während mein Gestöhne routiniert ablief.“  Etliche Zeilen weiter, denn der Orignialetxt ist lang, gelangt sie zu ihrem Fazit: „Wenn Du Sex kaufst, heisst das, dass Du den Kern Deiner eigenen Sexualität nicht gefunden hast. Ich finde, das ist schade für Dich. Wirklich. Dass Du so mittelmässig bist zu glauben, Sexualität handelt davon, einen Orgasmus in einer fremden Scheide zu bekommen.“

Gut, kann man jetzt sagen, was, bitte,  ist hier neu? Tanja Rahm schreibt in erster Linie nichts, das man nicht schon längst gewusst hätte, und auch Freier nicht längst gewusst hätten, selbst wenn sich wohl gar manche gerne der Illusion hingeben, dass gerade sie es schaffen, es ihrer gekauften Gespielin mal so richtig zu besorgen – und ja, vielleicht gibt es sie denn auch tatsächlich, die Edel-Prostituierte im Edelbordell, die  Spass an ihrer Arbeit hat, weil sie nicht nur mit einem überdurchschnittlich psychologischen Geschick, sondern auch mit einem besonderen erotischen Talent gesegnet ist. Okay. Aber grundsätzlich gilt: Prostituierte sind wohl eher Lust-Imitatorinnen.

Ungewöhnlich, und deshalb vielleicht auch verstörend, ist hingegen die Wucht ihrer Worte. Ihr harscher Ton rüttelt auf,  wirkt wie eine eiskalte Klatsche ins Gesicht, dekonstruiert das Bild der beflissenen Sexdienstleisterin, der pragmatisch empfangenden „Lady“, wie sie im Jargon der gehobeneren Prostitution genannt wird, das sich Freier gerne zurechtlegen. In diesem ist Tanja Rahm eine neue, laute Stimme in der aktuellen Debatte um Prostitution, deren Wahrnehmung in der Gesellschaft sowie um deren Verbot  (auf diese Diskussion lässt sie sich in nachfolgenden Texten auch ein) und sollte  genauso gelesen werden.  Doch hinterlässt unglücklicherweise ausgerechnet ihre tiefempfundene Verachtung für Sexkäufer einen schalen Nachgeschmack. Nicht, weil man ihr nicht glaubt. Im Gegenteil: Es ist nur allzu gut nachzuvollziehen, dass man nach Jahren als Prostituierte nicht anders kann, als seine Klientel zu verachten, deren Sexualität in Frage zu stellen und die Selbstverständlichkeit, wenn nicht sogar Nonchalance, mit der manche Männer auf Sexkauf gehen, vehement an den Pranger zu stellen. Leider aber unterlässt es die Autorin, die heute als Sexualtherapeutin durchaus das Werkzeug dazu hätte, ihre eigene Rolle als Prostituierte zu reflektieren und das männliche Sexualverhalten zumindest ein bisschen differenzierter zu hinterfragen, sondern verharrt in einer simplen Frau-gegen-Mann-gegen-Frau-Haltung, die schlussendlich keine Klärung bringt, und die man auch nicht mehr hören will.

Denn es bleiben die Fragen:  Warum sind Frauen überhaupt dazu bereit,  ihren Körper als Kapital einzusetzen? Ich habe diese Frage im Text „Warum verkaufen Frauen ihren Körper“ schon einmal gestellt. Und tue es hiermit erneut. Aber noch dringender erscheint mir zu ergründen, warum  Männer überhaupt davon ausgehen, dass es ihnen zusteht,  sich sexuelle Dienstleistungen kaufen zu können.

 

 

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