Ein schwuler Fussballer, na und?

Von Helene Aecherli, 10. Januar 2014

Das Coming-out von Ex-Fussballprofi Thomas Hitzlsperger hat mich vielleicht dreissig Sekunden lang interessiert. Warum sollten Fussballer nicht schwul sein?

Natürlich, es gehört zum Standardimage eines selbst mittelguten Ballvirtuosen, dass er mindestens ein (weibliches) Topmodel an seiner Flanke hat, bevor er einen Fallrückzieher zelebriert und mit einem jüngeren (weiblichen) Topmodel zur Seite dribbelt. Das Image lässt sich zweifelohne  wahnsinnig gut verkaufen und generiert massenweise Bewunderer,  nur macht es nicht zwingend einen wirklich guten Fussballer. Und ehrlich gesagt: Es ist auch langsam langweilig, dieses archetypische Bild der muskel-, und frauenbepackten männlichen Helden, die im Auftrag der Öffentlichkeit Fussball spielen  – oder die um die Wette sprinten, Feuer löschen, Krieg führen oder Flugzeuge fliegen. Nicht, dass ich etwas gegen dieses Bild hätte. Nein. Ich mag muskulöse Männer (mit sehnigen Unterarmen), und ich mag auch, wenn diese Jungs Frauen mögen und dazu noch ein bisschen heldenhaft tun, denn auch ich kann mich dem Archetypischen nicht entziehen.

Aber irgendwann bracht auch Archetypisches eine Auffrischung. Warum also, sollen muskelbepackte Helden nicht auch schwul sein? Wem machen schwule, muskelbepackte Helden Angst? Den weiblichen Groupies? Kaum, denn die heterosexuellen Helden sind immer noch in der Mehrheit. Der Werbeindustrie? Kaum, denn die lechzt nach neuen Helden.  Der Norm? Kaum, denn die hat sich zumindest in unseren Breitengraden mittlerweile daran gewöhnt, dass sie nicht normiert werden kann. Heterosexuelle Männer? Vielleicht. „Stell dir vor, da duscht du 15 Jahre lang nach jedem Training und jedem Match mit einem Kollegen, und dann gesteht er dir, dass er schwul ist“, sagte ein (heterosexueller) Freund zu mir, als wir Hitzlspergers Coming-out diskutierten. „Was ist, wenn der sich nun während all der Duschen Sex mit dir vorgestellt hätte?“ – „Na und“,  konterte ich, „wenn das wirklich so gewesen wäre, wäre das doch eher schmeichelhaft. Denn das würde nichts anderes bedeuten, als dass du ein attraktiver Mann bist – auch für Männer. Mehr noch: Du hättest somit das Potential für eine erweiterte Fangemeinde. Eigentlich ziemlich geil, oder?“

Und um bei der Welt des Fussballs zu bleiben: Vor mir aus können sich gerne noch mehr Sportler outen. Dann würde zum Standardimage eines selbst mittelguten Ballvirtuosen bald auch das männliche Topmodel gehören, das dem Helden zur Flanke steht, und das noch jüngere männliche Topmodel, mit dem der Held zur Seite dribbelt, und es gäbe nicht mehr einfach nur die Wags (women and girlfriends), sondern auch die Mabs (men and boyfriends) der Athleten. Das Bild des Archetypen wäre dann zwar nicht vollkommen neu, aber dennoch ein bisschen anders. Und dann würde endlich umso deutlicher, dass es bei einem wirklich guten Fussballer immer noch um das Eine geht: Hauptsache, er hat Balls.

 

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