„Unperfekter Sex ist besser als kein Sex“

Von Helene Aecherli, 18. Dezember 2013

Wie finden Eltern im alltäglichen Familienchaos zu ihrem Sexleben zurück? Eine ewige, vieldiskutierte, ungelöste Frage. Immerhin gibts jetzt endlich ein Buch, der diesem Thema zu Leibe rückt. Buchstäblich.  Denn was drin steht, ist seitenweise sogar gefährlich erotisch.

Also, grundsätzlich finde ich Ratgeber für Unterleibs- und Beziehungsmigränen grenzwertig,  und wenn sie erst noch ein rosa Cover haben, lege ich sie direkt auf den ungelesenen Stapel der Rosamunde Pilcher-Frauen-Porno-Literatur.  Doch es gibt eine Ausnahme, und die ist erdbeerfarben, konkret heisst sie:  „Höchste Paarungszeit. Erotisches für Eltern im Alltagschaos“. Ich habe sie nicht nur gelesen, sondern mich  köstlich amüsiert, ja sogar erotisch inspirieren lassen, dabei bin ich nicht einmal Elternteil, sondern bloss Tante. Wie konnte das passieren?

Unter dem Pseudonym Liebling& Schatz beschreiben die beiden Autoren Birgitt Hölzel und Stefan Ruzas, seit 17 Jahren miteinander verheiratet, zwei schulpflichtige Kinder, wie man  zwischen Kühlschrankeinräumen, Kochen und Familienferien Zeit und Appetit auf kleine und grosse  sexuelle Abenteuer findet. Und dies nicht etwa mittels Affären oder Bordell-Besuchen, sondern völlig konventionell mit dem angetrauten Partner. Schon fast unkonventionell, dass man unter diesen Umständen noch auf derart fleischige Ideen kommt und die erst noch umsetzt:

Grossartig die Küchenszene zum Beispiel, in der sie sich durch eine schlappe Wurst in der Hand zu einem Blowjob inspirieren lässt (könnte man ja beim nächsten Dinnergast ausprobieren, sofern er ein valabler Kanditat für einen Überrraschungsblowjob ist). Oder jene Episode, in der er sie auf dem Hotelbalkon verführt, nachdem die Kinder eingeschlafen sind (Sex auf dem Hotelbalkon  – immer eine sehr gute Idee). Nach einem intensiven Warm-up wagen sich Liebling&Schatz  in einer frivolen Stunde in einen Swinger-Club, wo sie  schliesslich im Pornokino ihren Spass finden, nachdem sie von dem skurrilen Massenvögeln um sie herum erst mal gehörig abgetörnt worden sind. Sie versuchen sich sogar im Partnertausch und schenken einander einen Besuch bei  Tantra-Masseurinnen (möglicherweise wäre es es wirklich mal ganz aufregend, sich die erotische Unterwelt mal näher anzusehen).

Gut, nicht alle Paare haben Lust darauf, die Küche in eine Sexbox zu verwandeln, oder sich Richtung Erotikon aufzumachen. Aber „Höchste Paarungszeit“ will keine Allerweltsrezepte vermitteln, sondern zeigen, dass gemeinsam erlebte Sexualität ein konstantes, phantasievolles  Jonglieren gemeinsamer Interessen ist, und vor allem: ein Beziehungskunstwerk, an dem beide mitwerken wollen.  Und so lustvoll dies beschrieben wird, so pragmatisch bleiben die Autoren dabei auch, sie vermeiden jegliche Schönfärberei.  Rückschläge, Redestaus, Frustrationen, Lustlosigkeit – selbst das Steckenbleiben in der Liebesschaukel wird mit liebevoller Selbstironie zu Papier gebracht.  Ebenso die unangenehme Wahrheit, dass das erotische Stelldichein von Eltern jederzeit unterbrochen werden kann, dann etwa, wenn die Kinder quängelnd vor der (Schlafzimmer)-Türe stehen oder zu früh von der Teenie-Party nachhause kommen.

Aber lieber „unperfekten Sex als keinen Sex“, lautet das Fazit . Oder anders ausgedrückt, der Appetit kommt mit dem Essen. Das ist zwar mittlerweile ziemlich abgelutscht, aber trotzdem wahr. Denn wer nicht mehr isst, hat irgendwann gar keinen Hunger mehr.

 

Liebling

2013 Südwest Verlag, 223 Seiten, ca. 18 Franken

 

 

 

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