Soll Prostitution verboten werden?

Von Helene Aecherli, 20. November 2013

Lässt sich das  „älteste Gewerbe“ der Welt wirklich verbieten? In Deutschland hat die Feministin Alice Schwarzer die Debatte lanciert, in der  Schweiz läuft sie langsam an – und klar gehen die Meinungen darüber auseinander.  „Die Kriminalisierung der Freier, wie sie in Skandinavien Praxis ist, schützt die Frauen nicht“, sagt etwa Rebecca Angelini, von der Zürcher Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration FIZ. Anbei mein Interview mir ihr.

Rebecca Angelini, die deutsche Feministin Alice Schwarzer setzt Prostitution mit Frauenhandel und Sklaverei gleich. Ihre Haltung dazu?
Rebecca Angelini: Das ist absurd. Wir müssen unterscheiden zwischen Frauenhandel und Sexarbeit: Frauenhandel ist ein schweres Verbrechen. Wir betreuen pro Jahr rund 200 Frauen, die in der Schweiz davon betroffen sind. Sexarbeit hingegen ist eine Erwerbstätigkeit, der hierzulande schätzungsweise 25000 Frauen nachgehen. Die meisten dieser Frauen entscheiden selbstbestimmt, was sie unter welchen Bedingungen zu welchem Preis anbieten und was sie mit dem Geld machen.
Wie freiwillig ist Sexarbeit wirklich? Die meisten Sexarbeiterinnen sind Migrantinnen. Viele haben keine andere Wahl, als sich in der Prostitution zu verdingen.
Das ist richtig. Viele Migrantinnen sind aufgrund der Verkettung von wirtschaftlicher Not und struktureller Diskriminierung zu Sexarbeiterinnen geworden. Sie haben in ihren Herkunftsländern geringe Bildungschancen und kaum Jobaussichten. Oft aber müssen diese Frauen ihre Familien unterstützen oder brauchen Geld für die Bildung oder medizinische Versorgung ihrer Kinder. Hier in der Schweiz sind sie aufgrund ihres ausländerrechtlichen Status in ihren Arbeitsmöglichkeiten eingeschränkt. Sie können höchstens als Haushalthilfe oder Putzfrau Arbeit finden. Sie wägen ihre Optionen ab und entscheiden sich aufgrund ihrer wirtschaftlichen Situation bewusst für die Arbeit im Sexbusiness. Diese Frauen sind keine Opfer, sondern Menschen, die oft die alleinige Verantwortung für ihre Familien tragen und mutige Entscheide fällen.
Sie implizieren, dass Sexarbeit eine Arbeit ist, wie jede andere auch. Den eigenen Körper zu verkaufen, ist doch nicht mit der Arbeit einer Anwältin, Sekretärin oder Ärztin gleichzusetzen.
Nein, Sexarbeit ist eine harte Arbeit, die mit sehr viel gesellschaftlicher Stigmatisierung und behördlicher Diskriminierung verbunden ist. Aber eine Sexarbeiterin verkauft nicht ihren Körper, sondern eine sexuelle Dienstleistung. Die Frau entscheidet selbstbestimmt, was sie unter welchen Bedingungen zu welchem Preis anbietet und welche Freier sie bedienen will.
Das ist doch beschönigend. Was haben zum Beispiel Flat-Rate-Betriebe, in denen Frauen zu Pauschalpreisen angeboten werden, mit Selbstbestimmung zu tun?
Im Sexgewerbe gibt es Strukturen, die Frauen diskriminieren, ja. Dennoch: Das Sexgewerbe ist nur ein Bereich, in dem Ausbeutung und Diskriminierung vorkommen. Gewalt und Ausbeutung gibt es auch in der Hausarbeit oder in der Ehe. Oder schauen Sie sich die Werbung an. Da wird fast alles über den Körper der Frau verkauft. Aber darüber regt sich kaum jemand auf.
Die Schweiz geht pragmatisch mit der Prostitution um: Sexarbeit geniesst den verfassungsrechtlichen Schutz der Wirtschafts- und Gewerbefreiheit. Das könnte sich nun ändern: Die Berner EVP-Politikerin Marianne Streiff fordert in einem parlamentarischen Vorstoss den Bundsrat auf, ein Prostitutionsverbot zu prüfen. Damit folgt sie dem internationalen Trend, der auf ein Verbot der Prostitution abzielt. Was sagen Sie dazu?
Das würde ich relativieren. Denn dieses Jahr hat auch der FDP-Nationalrat Andrea Caroni zu diesem Thema einen Vorstoss lanciert, der mehr Rechte für die Sexarbeiterinnen fordert. Dieser Vorstoss zielt also in eine ganz andere Richtung und fand sehr breite Unterstützung von ganz links bis ganz rechts. Die Verbotsforderung ist in der Schweiz zum Glück nicht mehrheitsfähig. Zu Recht, denn ein Verbot schadet nur. Es führt nicht dazu, dass die Prostitution verschwindet, sondern es drängt das Sexgewerbe in die Illegalität ab. Frauen, die im Verborgenen arbeiten müssen, sind ungeschützt und leichter ausbeutbar. Das macht es den Menschenhändlern und Zuhältern einfach.
Hat die Liberalisierung der Prostitution nicht dazu geführt, dass der Menschenhandel aus den osteuropäischen Ländern und Brasilien stark zugenommen hat?
Eine steigende Anzahl von Menschenhandelsfällen heisst nicht automatisch, dass der Menschenhandel per se zunimmt, sondern sagt vor allem etwas über die Sensibilisierung und Spezialisierung der Behörden aus. Denn spezialisierte Polizisten, die im Sexgewerbe ermitteln, erkennen Opfer und können sie zur Unterstützung an spezialisierte Opferhilfestellen wie die FIZ verweisen. Ein Verbot dagegen würde dazu führen, dass Sexarbeiterinnen aus dem Ausland nicht mehr selbständig in die Schweiz reisen und hier legal arbeiten könnten. Sie wären auf Helfer, also Menschenhändler und Zuhälter angewiesen, um herzukommen. Ein Verbot würde den Menschenhandel nicht verhindern, sondern begünstigen.
Immerhin: In Schweden, wo der Kauf von sexuellen Dienstleistungen strafbar ist, soll zumindest die Strassenprostitution weitgehend verschwunden sein.
So steht es in einem Bericht der schwedischen Regierung, ja. Der sichtbare Teil des Sexgewerbes mag verschwunden sein, aber schwedische NGOs berichten, dass lediglich eine Verdrängung stattgefunden hat. Die Kontakte werden über Handy oder Internet hergestellt und die Frauen empfangen die Freier in Wohnungen und anderen Etablissements. Neue Untersuchungen zeigen überdies, dass sich die Situation für die Frauen durch die Kriminalisierung des Sexkaufs erschwert hat: Das Geschäft wird in dunkle Ecken verschoben, und da es schnell gehen muss, haben die Frauen weniger Zeit, mit dem Freier zu verhandeln und abzuschätzen, ob er gefährlich sein könnte. Zudem ist es für die Polizei schwieriger geworden, Opfer von gewalttätigen Zuhältern zu identifizieren und gegen die Täter zu ermitteln.
Trotzdem: Inzwischen sind Norwegen, Finnland und Island dem schwedischen Modell gefolgt und auch Frankreich will ein ähnliches Gesetz erlassen.
Egal, wie die Prostitution von den Ländern geregelt wird, sie verschwindet nie. Das muss muss eine Gesellschaft als Realität anerkennen.
Muss man das wirklich einfach so akzeptieren?
Tatsache ist, dass durch ein Verbot die Ursachen der Sexarbeit, also Probleme wie das Ungleichgewicht der Geschlechter oder das Ungleichgewicht zwischen den Ländern nicht gelöst werden, sondern dass dadurch eine Verdrängung der Prostitution stattfindet – mit fatalen Folgen für die Sexarbeiterinnen.
Welche Strategie schlagen Sie vor?
Legalität und rechtliche Gleichstellung sind der beste Schutz für die Frauen. In der Schweiz zum Beispiel gilt Sexarbeit noch immer als «sittenwidrig», was die Stellung der Sexarbeiterinnen schwächt. Im Moment sind im Parlament Vorstösse hängig, die die Aufhebung der Sittenwidrigkeit fordern.
In der Stadt Zürich trat vor gut einem Jahr die Prostitutionsgewerbeverordnung in Kraft, die die Prostituierten von Ausbeutung und Gewalt schützen soll. Ist dies ein Fortschritt?
Auf dem Papier, ja. Doch in der Realität wirken viele dieser Schutzmassnahmen repressiv: So müssen zum Beispiel Frauen, die auf dem Strassenstrich arbeiten, Bewilligungen einholen. Dafür müssen sie ein offizielles Behördengespräch absolvieren, was in sich schon eine hohe Hürde ist, zudem eine Aufenthaltsbewilligung und eine Krankenversicherung vorweisen können. Dieses Verfahren ist so komplex, dass viele Frauen lieber illegal anschaffen oder eine Drittperson engagieren müssen, die ihnen den Weg ebnet, was wiederum neue Abhängigkeiten verursacht.
In letzter Zeit ist auch die Betriebsbewilligung verschärft worden, die es braucht, um einen Salon zu führen. Welche Konsequenzen hat das für Sexarbeiterinnen?
Es gibt heute viele kleine Salons, die von zwei oder drei Frauen betrieben werden. Sie organisieren sich meist selbst, unterstützen sich gegenseitig und sind unabhängig von Zuhältern. Durch die neuen Betriebsbewilligungsverfahren werden diese kleinen Arbeitsgemeinschaften bedroht. Dafür geht der Trend Richtung Grossbetriebe, wie eben Sauna- oder Flat-Rate-Clubs.
Sie sagen, dass die Bedürfnisse und Anliegen von Sexarbeiterinnen nicht im Mittelpunkt des Interesses stehen. Wie ist das zu verstehen?
Es ist leider noch Tatsache, dass Sexarbeiterinnen hierzulande nicht dieselben Rechte auf gute Arbeitsbedingungen, sichere Arbeitsplätze und Schutz vor Diskriminierung und Stigmatisierung geniessen wie andere Arbeitnehmerinnen. Zudem bietet die schweizerische Migrationspolitik keine Arbeitsmöglichkeiten für Frauen, die aus der Sexarbeit aussteigen und in der Schweiz bleiben wollen. Und vor allem: Solange keine grundsätzliche Debatte darüber geführt wird, warum es Sexarbeit in unserer Gesellschaft überhaupt gibt, wie geschlechtsspezifische Erziehung dazu führt, dass Männer sich gegen Geld «alles» kaufen wollen und können, und Frauen ihren Körper als Kapital einsetzen, wie Sexarbeit mit Kapitalismus und Globalisierung zusammenhängt – solange fordern wir, pragmatisch die Realität anzuerkennen und dafür zu kämpfen, dass die Betroffenen mehr Rechte bekommen.

Das FIZ führt die Beratungsstelle für Migrantinnen und die spezialisierte Interventionsstelle Makasi für Opfer von Frauenhandel, www.fiz-info.ch

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