Ist das Singledasein wertlos?

Von Helene Aecherli, 29. September 2013

Die Ausgangslage: Eine sehr gute Freundin von mir ist seit fünf Jahren mit einem Mann zusammen, den sie nicht wirklich liebt. Das heisst: Sie ist sich nicht sicher, ob sie ihn liebt oder nicht. Zwar haben sie guten Sex, gute Gespräche und immer wieder mal eine schöne Reise, aber würde er sie verlassen, hätte sich nicht das Gefühl, eine Liebe, sondern einen guten Freund verloren zu haben.

Hört sich eigentlich undramatisch an, könnte man nun sagen. Er ist halt einfach ein „friend with benefits“, so what? Wo bitte, liegt jetzt  das Problem?

Das Problem ist folgendes: Sie ist seine grosse Liebe, er will heiraten, das ganze Programm. Er will ein „ja“, leidet unter ihrem „jein“, hat das Gefühl, ständig auf einer heissen Herdplatte zu sitzen, denkt aber nicht im Traum daran sie zu verlassen, denn schliesslich ist sie seine grosse Liebe, und die findet man – wenns hoch kommt  – vielleicht alle drei Dekaden einmal. Zumal es eigentlich gar nicht sein kann, dass sie ihn nicht will, denn er ist eine überaus gute Partie, ehrlicher Single, hat keine Krämpfe mit Kindern und Ex-Frauen, ist finanziell unabhängig, grosszügig, beruflich erfolgreich, und eine neue Brille hat er sich auch gekauft.

Sie aber weiss einfach nicht, ob sie ihn liebt. Wahrscheinlich liebt sie ihn nicht, denn wenn sie ihn lieben würde, wüsste sie es.

„Wie hältst du das aus?“, habe ich sie gefragt. „Wie kannst du jahrelang mit einem Mann zusammen sein, mit ihm schlafen, kuscheln, schmusen, auf Reisen gehen, wenn du ihn nicht liebst?“ In Klammer: Natürlich kann man, wenn man genug abgebrüht ist und an sein Millionenerbe heranwill. Aber meine Freundin ist weder abgebrüht, noch hat er Millionen.

„Weisst du“, antwortete sie. „Ich bewundere deine Kraft, deinen Mut, allein zu leben. Ich kann das nicht.“ Na ja, das hätte ich mir nicht ausgesucht, das sei jetzt nun mal einfach so, entgegnete ich. Und so schlimm sei es auch nicht. Im Gegenteil: Inzwischen fände ich es wunderbar.

„Weisst du“, sagte sie, „ich brauche Zweisamkeit, um mich ganz zu fühlen. Ich sehe keinen Wert darin, alleine zu leben, Single zu sein ist keine Option für mich.“

Na ja, das Singlesein kann man sich nicht zwingend aussuchen, und überhaupt, folgerte ich, nach dieser Argumentation wäre ich also bloss eine halbe Portion und meine Existenz wertlos. Und war bekümmert. Nicht wegen der Wertlosigkeit meiner Existenz, sondern weil meine Freundin mit ihrer Haltung wohl kaum eine Ausnahme ist. Nie habe ich einen Mann gehört, der sagt, dass seine Existenz ohne Partnerin wertlos sei. Er existiert, also ist er. Das ist gut genug. Doch gar manche Frau, sei sie älter oder jünger, wird ein unbemanntes Leben als ein wertloses empfinden. Und sich deshalb mit einem Mann begnügen, den sie nicht liebt – und damit nicht nur ihr eigenes Potential schmälern, sondern möglicherweise auch seins.

Und dies aller Emanzipation zum Trotz.

 

 

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