„Rettet die Rosen“ – Rettet die Kindsbräute!

Von Helene Aecherli, 20. September 2013

Die Geschichte ging um die Welt:  Die achtjährige Rawan stirbt im Jemen nach ihrer Hochzeitsnacht aufgrund schwerer, innerer Verletzungen. Ihr Ehemann: 40 Jahre älter. Rawan ist kein Einzelfall: Weltweit werden jährlich rund 14 Millionen Mädchen unter 18 verheiratet – die Folgen sind verheerend.

Ich weiss, manche werden sich nun fragen: „Was hat so ein düsteres Thema wie Kinderheiraten bloss in einem Blog wie Sex&Sensibility zu tun?“ – und die Seite vielleicht brüskiert wegklicken. Denn gerade die Hochzeit, der „schönste Tag im Leben einer Frau“, ist assoziiert mit überschwenglicher Freude, weissem Prinzessinnenkleid, einer rauschenden Party, Champagner ohne Grenzen, mit Musik und Tanz, Flitterwochen auf Hawaii oder sonstwo und nervenden Verwandten, über die man sich im schlimmsten Fall gemütlich ärgern kann. Hochzeiten  – die sind nicht gleichbedeutend mit Trauer, Trauma oder sogar Tod. Sollten sie auch nicht. Dass sie es aber dennoch sein können, zeigt der Fall von Rawan:

Das achtjährige Mädchen lebte mit seiner Familie in einem Dorf im Nordwesten Jemens. Die Familie ist arm. Vor kurzem wurde es an einen wohlhabenden 40jährigen Mann verheiratet.  Der Bräutigam schenkte ihm einige Wochen vor der Hochzeit ein Handy, mit dem es gerne herumspielte und seinen Freundinnen zeigte. Rawan starb nur Stunden nach ihrer Hochzeitnacht. Der Grund: schwere Verletzungen im Genitalbereich. Der Bräutigam muss sie vergewaltigt haben. Der  Fall wird zwar inzwischen von lokalen Behörden dementiert und von Journalisten in Frage gestellt. Nachbarn der Familie wie Dorfbewohner bestreiten, dass Rawan je verheiratet worden ist, niemand will etwas von ihrem Tod gewusst, niemand die Leiche gesehen haben, bereits sollen Bilder aufgetaucht sein, die das Mädchen lachend und quicklebendig beim Spielen zeigen. Menschenrechtsabgeordnete vermuten ein Vertuschungsmanöver.

Ob die Geschichte von Rawan wahr ist oder nicht, bleibt dahingestellt. Doch Tatsache ist: Gemäss Untersuchungen von Human Rights Watch werden 14 Prozent der jungen Frauen im Jemen verheiratet, bevor sie 15 sind, 52 Prozent heiraten vor dem 18. Lebensjahr, in manchen ländlichen Gegenden sind die Mädchen bei ihrer Hochzeit kaum älter als acht. 2009 wurde ein Gesetz, welches das Mindestheiratsalter auf 17 festlegen sollte, im Parlament von konservativ-islamistischen Kräften blockiert. Erst vorgestern Mittwoch wurde ein erneuter Vorstoss (diesmal gings ums Mindestheiratsalter 18) überraschend wuchtig abgelehnt. Das Geflecht aus fundamenta­listischem Islam und patriarchalen Stammesstrukturen, das die Stellung der Frau im Jemen noch immer weitgehend bestimmt, bleibt weiterhin unangetastet.

Der Jemen ist jedoch bei weitem nicht das einzige Land, das kein gesetzlich verankertes Mindestheiratsalter kennt. Gemäss der Politologin Elham Manea gilt etwa in Saudi Arabien der Beginn der Pubertät, das heisst, das Einsetzen der Monatsblutung, als Richtlinie für das geeignete Heiratsalter. Im Iran liegt das Mindestheiratsalter bei 13, im Sudan bei 10 Jahren. In Ägypten ist zwar das Heiratsalter 18 Gesetz, doch existierten Schlupflöcher, die es erlauben, das Gesetz zu umgehen: So würden Mädchen oft jung verheiratet, die Ehe aber erst offiziell registriert, wenn sie das 18. Lebensjahr erreicht hätten. Bekannt ist auch, dass sich betuchte, männliche Touristen aus den Golfstaaten gerne blutjunge Gespielinnen nehmen, sie heiraten, die Familie mit einem grosszügigen Brautgeld versehen, um die Mädchen dann nach ein paar Monaten wieder abzustossen.  „Die konservativen Kräfte in diesen Ländern beziehen sich auf kulturelle und religiöse Argumente, um Praktiken zu rechtfertigen, die die sexuelle Ausbeutung von Kindern gutheissen und damit gegen universelle Menschenrechte verstossen“, sagt Elham Manea. „Das ist ein Skandal! Leider hat der zunehmende Einfluss des politischen Islam diesen Kräften zusätzlich Aufwind verliehen. Und es fehlt am politischen Willen, ein Gesetz gegen Kinderheiraten zu implementieren und rigoros umzusetzen.“

Doch sind Kinderheiraten keineswegs auf die Länder des Nahen Ostens beschränkt. Laut des Kinderhilfswerks Plan werden etwa in Niger, Tschad, Mali, Guinea, Nepal, Pakistan und Bangladesh über 60 Prozent der Frauen vor dem 18. Lebensjahr verheiratet. In Georgien sind es 17, in der Türkei 14, in der Ukraine 10 Prozent. Weltweit werden jährlich 14 Millionen Mädchen zu Kindsbräuten gemacht. Das sind 269’230 pro Woche, 27 pro Tag. Die Folgen verheerend: Die Sterberate bei 10- bis 14jährigen Schwangeren ist fünfmal, jene bei 15- bis 19jährigen doppelt so hoch, wie bei Frauen über 20. Zudem bedeutet eine frühe Ehe oftmals, dass das Mädchen nicht mehr in die Schule darf und als billige Arbeitskraft gehalten wird. Selbst wenn es weiterhin die Schule besuchen könnte, scheitert dies daran, dass in den betroffenen Ländern kaum Schulen für verheiratete Mädchen existieren.

Manche Aktivisten drängen deshalb darauf, Eltern, die ihre Kinder verheiraten, zu kriminalisieren. Doch das greift zu kurz. Denn in den meisten Fällen werden Eltern nicht durch Gier oder Boshaftigkeit, sondern durch Armut zu diesem Schritt gedrängt: so erhoffen sie sich nicht selten eine bessere und  – vor allem in Konflikt- oder Katastrophenregionen – eine sicherere Zukunft für ihre Töchter, wenn sie sie früh verheiraten. Töchter werden aber auch in die Ehe verkauft, um Schulden zu begleichen, Allianzen zu schmieden oder einen Grundstückdeal zu besiegeln. Zudem gilt eine frühe Ehe als Garant dafür, dass das Mädchen seine Jungfräulichkeit nicht im unehelichen Zustand verliert und so Schande über ihre Familie und ihren Clan bringt. Aufklärung, die Verbesserung des gesellschaftlichen Status der Frau sowie strukturelle Veränderungen sind hier von Nöten. Manchmal aber sind schon scheinbar niederschwellige Massnahmen erfolgreich: In einem jemenitischen Dorf , zum Beispiel, erhalten Eltern im Rahmen eines Projektes, das von einer nationalen NGO durchgeführt wird, monatlich eine Ration Zucker und Mehl, wenn sie ihre Töchter nicht jung in die Ehe, sondern in die Schule schicken. Mit dem Resultat, dass die Schulbildung der Mädchen einen greifbaren Wert bekommt.

„Etwas darf dabei aber nicht vergessen werden: Es geht hier nicht nur um Armut und überholte Traditionen, sondern schlussendlich auch um Macht“, betont Hend Nasiri. „Eine zehnjährige Ehefrau lässt sich unter Umständen ganz nach eigenen Gutdünken formen und kontrollieren. Das ist für viele Männer attraktiv.“

Hend Nasiri, 23, ist Wirtschaftsstudentin, lebt in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa und ist seit wenigen Wochen Aktivistin gegen Kinderheiraten. Als sie hörte, wie das Mindestheiratsalter 18 im Parlament bekämpft wurde, hatte sie genug. Sie setzte sich an ihren Computer und lancierte innert Stunden ihre Facebook-Kampagne „The National Campaign to Save Wardah – Underage Marriage 1“. Die nationale Kampagne zur Rettung der Rosen – Rosen als  Symbol für die Mädchen, die es zu retten gilt, bevor sie in Gefahr geraten, viel zu früh gepflückt zu werden.

Die Kampagne ist so einfach wie eindrücklich: Sie zeigt junge Männer und Frauen, die erklären, warum sie „Save Wardah“ unterstützen. Die Aktivistin will so viele Stimmen wie möglich sammeln, um die Politiker damit unter Druck zu setzen, um ihnen zu zeigen, dass hier aus der Jugend des Jemen eine Kraft erwächst, die nicht mehr ignoriert werden kann.  Zudem sind ein Film und eine Fotoausstellung zur Kampagne geplant. Aber jetzt, in diesen Tagen, Wochen und Monaten ist vor allem mühselige Basis- und Überzeugungsarbeit angesagt: Gespräche und Diskussionen mit Menschen auf der Strasse, im Quartier, im Büro, an der Uni, mit Politkern, Behörden, Religionsvertretern. Ihnen klar machen, welches ungeheure Potential verschwendet wird, wenn Frauen als Kinder in die Ehe entsorgt werden und dann von der Bildfläche verschwinden. Potential, das jetzt zum Aufbau und für die Zukunft des Landes so bitter nötig ist.

Bleibt die Frage, was wir tun können, hier im Westen, in der Schweiz, um solche Aktionen zu unterstützen. „Kinderheiraten im Jemen sind ein jemenitisches Problem“, antwortet Hend Nasiri, „wir müssen es selber angehen, selber eine Lösung dafür finden.  Aber ihr könnt uns unterstützen, indem ihr darüber redet, die Idee der Kampagne weitergebt. Spread the word!“

Denn wie gesagt, Hochzeiten und Hochzeitsnächte sollen Spass machen. Allen Beteiligten.

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