What the Fuck!

Von Helene Aecherli, 30. August 2013

So lautet der Titel  meiner Kolumne in der aktuellen annabelle. Das Thema: Ich offenbarte meine sexuelle Unlust. Die Reaktionen schwanken zwischen Irritation und Zustimmung  – hinter vorgehaltener Hand.

Ja, ich gebe es zu: Im Moment ist es tatsächlich so, dass ich das Wort „Sex“ nicht mehr hören kann. Es nervt, irritiert und langweilt mich. Sex, finde ich, ist zur Metapher für fast alles geworden: Für Glück, Erfüllung, Schönheit, fürs in-Sein, für tolle Waschmaschinen, tolle Bratensaucen, tolle Schuhe. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht verlautbart wird, wie oft es coole Menschen miteinader treiben, wie oft es Karriere- oder Hausfrauen tun, was sie an Männern gut oder schlecht finden, welches Auto oder welcher Champagner zu welcher Stellung passt und ob nun der klitorale oder vaginale Orgamus der wirklich alles-toppende Höhepunkt ist.  Irgendwann kann man es nicht mehr hören. Denn hört man ständig hin – und wer hört schon nicht hin? – verliert man etwas: Den Spass an der Lust als etwas Geheimnisvolles, Reines, Unerwartetes, Überwältigendes.

Kaum jemand sagt, dass Sex ihm oder ihr keinen Spass macht, weil im Bett ständig Kompromisse gemacht werden müssen, weil Bedürfnisse unterdrückt oder verschwiegen werden. Kaum jemand ruft „Halt, es interessiert mich nicht!“ Kaum jemand wagt zu sagen, dass er eigentlich keine Lust hat, wohl aus Angst, das Gesicht zu verlieren. Denn es gibt beim Sex fast keine Tabus mehr – ausser eben, keine Lust zu haben.
„Bist du immer noch in deiner keuschen Phase?“, fragte mich ein Freund.  „Ich bin auch lustvoll lustlos – du färbst negativ ab!“, schrieb ein anderer. „Ich verstehe deinen Punkt nicht“, sagte eine Kollegin, „was ist eigentlich das Problem?“-  „Du, mir geht es genauso“, flüsterte eine andere.

Bin ich jetzt lustfeindlich, griesgrämig, bodenlos abgeturnt? Nein! Aber ich will vom Thema Sex nichts mehr hören, will mich abschotten, um die Lust wieder neu zu entdecken, sie erblühen zu lassen, sie wieder ausgiebig zu kosten. So, wie auf einer einsamen tropischen Insel die Blüten wieder neu riechen zu lernen. Sich an ihnen zu laben, sie staunend zu betrachten, sich an ihnen zu erfreuen. Und dabei zu erkennen, dass ich selber ein Teil dieser Blütenstauden bin.

 

 

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