Warum ist Sex eigentlich käuflich?

Von Helene Aecherli, 21. August 2013

Ich arbeite an einer grossen Reportage über das Sexgewerbe und studiere an folgenden Fragen herum. Sie sind zum Teil unabhängig voneinander, zum Teil gehen sie ineinander über, vielleicht sind es Fragen, auf die es keine klare Antworten gibt.

–         Warum ist Sex eigentlich käuflich? Warum braucht man Sex überhaupt zu kaufen?

–         Prostitution basiert darauf, dass Sex eine Dienstleistung ist, die den Gesetzen nach Angebot und Nachfrage folgt. Was unterscheidet nun die sexuelle Dienstleistung von anderen Dienstleistungen wie Fussmassagen, Handmassagen, Nackenmassagen, Kopfmassagen sowie Thaimassagen in Spas und Wellnesszentren? Auch die haben schliesslich die körperliche Entspannung zum Ziel. Und intim sind sie zuweilen auch.

–         Gibt es Prostitution, weil Männer zu faul/ängstlich/feige/unfähig sind, sich um Beziehungen zu bemühen?

–         Gibt es Prostitution, weil Männer zu faul/ängstlich/feige/unfähig sind, ihre Sexualität mit ihrer Partnerin zu verhandeln?

–          Gibt es Prostitution, weil Frauen zu faul/ängstlich/feige/unfähig sind, ihre Sexualität mit ihrem Partner zu verhandeln?

–         Ein Mann geht regelmässig zu Prostituierten, weil seine Partnerin keine Blowjobs mag. Sie verweigert sie ihm, sie findet Blasen ekelhaft. Er hat das Bedürfnis danach, will aber seine Beziehung nicht gefährden. Was nun? Sie hat das Recht, Blowjobs ekelhaft zu finden. Niemand muss im Bett tun, was er nicht will, und Blowjobs sind kein Menschenrecht. Zudem muss man nicht jedes Bedürfnis erfüllt haben. Andererseits hat jeder das Recht über seinen eigenen Körper. Und ein Blowjob ist ja an und für sich nichts Ausgefallenes. Ist der Gang zur Prostituierten, die Auslagerung der sexuellen Bedürfnisse, also eine Kapitulation, ein Eingeständnis, dass es das Paar nicht geschafft hat, seine sexuellen Bedürfnisse zu verhandeln? Oder ist es ganz einfach eine pragmatische Lösung?

–         Ist Sexualität überhaupt verhandelbar?

–        Warum gibt es so viele Seitensprung- und Casual Dating-Sites (die in den meisten Fällen einen Männerüberschuss haben), wenn die Jungs doch einfach ins Bordell gehen können?

–         Ist es eine Form der Prostitution, wenn die Ehefrau mit ihrem Mann schläft, weil er ihr beim Abwaschen geholfen hat? Oder weil sie nach Hawaii in die Ferien will?

–         Ist es eine Form von Prostitution, wenn sie ihm einen bläst, weil er Zugang zur VIP-Lounge eines Clubs hat?

–         Ein Mann geht regelmässig zu Prostituierten. Inwiefern verändert dies sein Frauenbild? Zementiert er die alttestamentarische Kategorisierung der Frau in Hure und Heilige?

 

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