Geiseldrama und Intimrasur

„Sex and Crime“ regieren die mediale Aufmerksamkeit. Doch manchmal wird dieser Grundsatz ad absurdum geführt.

Klar, wir wissen es alle: Krieg, Blut und Waffen verkaufen sich besser als Friede, Freude und Rosenblüten  (ausser es handelt sich um royale Hochzeiten), und Sex ist lukrativer als  nicht-Sex. Fast jede Zeitung und fast jedes Online-News-Portal folgen dieser Gesetzmässigkeit, die vorgegeben ist, so heisst es, durch das einschlägige Interesse der Leserschaft. „Schlussendlich gehört dies alles zu unserem Leben“, hatte mir einer meiner früheren Chefs vor Jahren einmal begütigend gesagt, als ich mich darüber echauffierte, dass auf dem Titelblatt unter einer fetten Katastrophen-Schlagzeile zwei Ex-Missen darüber streiten durften, ob Strapse  gesellschaftlich opportun seien oder nicht. Und ich hatte das eingesehen und genickt, schliesslich interessiere ich mich ja auch für beides – als Journalistin wie als News-Konsumentin.

So weit so gut; wer sich darüber aufregt, dass Meldungen über Hinrichtungen und Massenvergewaltigungen im Umfeld von Orgasmusschwierigkeiten oder Sex-Beichten aus dem Dschungelcamp auftauchen, sollte einen anderen Beruf wählen oder seine Aufmerksamkeit von Zeitungen, Onlineportalen oder TV-Sendungen kategorisch abwenden.

Aber alles hat seine Grenzen. Meine Entspanntheit gegenüber der gemütlichen Koexistenz von Sex and Crime, auf jeden Fall, wurde abrupt gestört, als ich gestern Abend um kurz nach sechs das Onlineportal der grössten Schweizer Gratiszeitung aufschaltete und unvermittelt auf die beiden Aufmacher starrte:

Islamistischer Terrorist, Sicherheitsexperte, Porno-Häschen, Sturmgewehr, Krawatte, getupfter Bikini, Busen – Bilder und Texte auf einen Blick, auf gleicher Ebene, gleich gross, gleich gewichtet. Oberzeile: Islamistische Geiselnehmer, Titel: “Man hat die Brutalität unterschätzt”. Oberzeile: „Bachelor-Porno“, Titel: “Und – bischt denn du auch rasiert?”

Ich traute meinen Augen nicht: Das Blutbad bei der Befreiung der Geiseln in Algerien so relevant wie  Intimrasur,  Terror wie Blowjob, Sicherheitsexperte Kurt R. Spillmann wie die deutsche Bachelor-Kandidatin und Erotikdarstellerin Melanie.  „Hätte man die Geiselnahme überhaupt unblutig beenden können? Schwer zu sagen. Mit solchen Kämpfern, die zu allem entschlossen sind, kann man meistens nicht über Kompromisse verhandeln.“ – „Unter ihrem Künstlernamen Scarlet Young hat sie bereits Streifen wie <Blondes Teeny Scarlet will f***en und viel Sperma> oder <So geil bin ich, gib mir deinen Schwanz> gedreht.“- „Solche Aktionen sind nun noch attraktiver. In Nordafrika sollte man westliche Einrichtungen deshalb besser schützen. Auch in Europa muss die Alarmbereitschaft erhöht werden, weil Anschläge wahrscheinlicher geworden sind.“ – „<Wieso bischt du hier? Hast du Sexzwang oder Entzug?>, fragt der männliche Darsteller mit Halbglatze, der im Gegensatz zu anderen Darstellern der Branche nicht nur mit einem eher bescheidenen Arbeitsgerät ausgestattet ist, sondern in seinem Schweizerdeutsch-Deutsch-Dialekt übertrieben laut stöhnt oder Tiefsinniges von sich gibt wie: <Bischt denn du auch schön rasiert?>“

Ich habe mir nach dem ersten ungläubigen Erstaunen blitzschnell überlegt, wie man aus diesen beiden Texten einen schnittigen Dialog machen könnte  oder welcher innere  Zusammenhang zwischen dem Terroristen und der Bachelor-Kandidatin besteht, vielleicht in dem Sinne, als dass der „Bachelor“ Fernseh-Terror ist und der Terrorist auch Bachelor, aber ich habe diese Anstrengungen sehr bald fallen lassen.

Mir kommt im Moment nur ein Fazit in den Sinn:  Plakativer kann man den Zynismus der medialen Parallelitäten von Sex and Crime  nicht vorgeführt bekommen.  Mehr noch: Hier ist er eben gerade ad absurudum geführt worden.

 

Kommentare

  1. Peters

    Wenn wir jedesmal die Zeit anhalten, nur weil irgendwelche islamistischen Spinner ihren Terror verbreiten, hätten wir schon seit 30 Jahren nichts mehr zu lachen.

    • Helene Aecherli

      Es geht nicht darum, die Zeit anzuhalten, sondern darum, auf die parallele Darstellung und gleiche Gewichtung von einer Katastrophe und einer unglaublicher Banalität hinzuweisen. Wir sind in dieser Hinischt viel zu abgestumpft geworden.

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