Fessle mich doch endlich mal, Schatz!

Von Helene Aecherli, 17. März 2012

„Fifty Shades of Grey“, eine Roman-Trilogie um Fessel- und andere Unterwerfungsspiele, sorgt zur Zeit für Auf- und Erregung – vor allem bei Frauen und in psycho-feuilltonistischen Diskussionsrunden. Aber warum die Aufregung? Überwältigt zu werden, ist bei Frauen die erotische Phantasie  schlechthin, und sich hingeben zu können, ein Beweis für wahre Emanzipation. Merkt man das denn erst jetzt?

Ich finde mediale Hypes ja immer ganz interessant und verfolge sie aufmerksam, schliesslich ist das mein Job. Ich drücke mich aber meist davor, dabei mitzumachen, denn gerade mediale Hypes verschwinden so schnell wieder, wie sie gekommen sind. Und da ist aufgeregtes Mitschreiben verschwendete Liebesmüh. Doch die  feuilltonistische Euphorie um die Roman-Trilogie „Fifty Shades of Grey“ von der britischen Autorin E. L. James, ein ziemlich pornographisches 1200-Seiten-Werk um die weibliche Lust an der sexuellen Unterwerfung, kann ich nun doch nicht an mir vorbeigehen lassen. Dies, weil man sich überrascht darüber zeigt, dass Frauen Spass daran haben, beim Sex gefesselt zu werden, und sich besorgt fragt, wie das denn mit den Bedürfnissen der modernen, emanzipierten Frau in Einklang zu bringen ist. „Ja, aber um Himmels Willen, Jungs und Mädels“, kann ich da nur sagen, „warum die Aufregung? Merkt ihr das denn erst jetzt?“

Die Kraft des Mannes zu spüren, überwältigt, niedergerungen, schweissüberströmt ans Bett gefesselt, auf dem Rücken mit gespreizten Beinen, sitzend, oder auf dem Bauch liegend, oder wie auch immer, mit allen Mitteln der Kunst erregt zu werden und sich dann im Zustand höchster Erregung nicht bewegen zu können, dem Partner und vor allem sich selbst vollkommen ausgeliefert zu sein, ist doch DIE erotische Phantasie von Frauen schlechthin. Leiterinnen von sexuellen Selbstfindungsseminaren wissen das schon längst: Wenn Teilnehmerinnen aufgefordert werden, Utensilien mitzubringen, die sie schon lange mal beim Sex verwenden wollten, sich aber nie getrauten, dann hätten die meisten Handschellen und Seidenfesseln im Gepäck. In jedem besser bestückten Erotikshop gehören Fesseln aller Art, Bondage-Stühle, selbst Handfesseln mit Saugnäpfen, die man für Kacheln und Kühlerhauben verwenden kann, zum Inventar. Und als ich mir unlängst in einem Frauen-Sex-Shop einmal die unterschiedlichen Fesselungsoptionen ansah, entdeckte ich auf der Verpackung von edlen, schwarzen Seidenbändern die Aufschrift: „Chase me, catch me, tie me down!“, jage mich, fang mich, fessle mich. „Ach“, dachte ich amüsiert, „diese Phantasie ist also so gewöhnlich, dass sie inzwischen sogar auf Verpackungen verbrieft ist.“

Eine Tatsache übrigens, die mir auch schon von einer ganz anderen Seite bestätigt wurde: Als ich vor ein paar Jahren einen Dominator (das männliche Pendant zur Domina) zum Thema „Ist Schmerz die bessere Lust?“ interviewte, erzählte er mir, dass viele seiner Kundinnen explizit wünschten, von ihm gepackt, auf den Boden geschmissen und genommen zu werden (was natürlich zum Teil auch saumässig anstrengend sei, gab er zu) oder sich ihm gefesselt stundenlang hinzugeben. Die meisten seiner Kundinnen seien um die vierzig Jahre alt, meist auch ein bisschen älter. Ein Klassiker, wie er bemerkte, hätte sich das Gros der Frauen doch gerade in diesem Alter von alten erotischen Verhaltensmustern emanzipiert und entdeckte nun ihre wahren sexuellen Bedürfnisse. Und: Je eigenständiger und kontrollierter eine Frau im Berufs- und Alltagsleben sei, desto mehr sehne sie sich beim Sex nach der Umkehrung der Kräfte. Auch das ein Klassiker. Denn beim Sex gelten die Alltagsnormen nicht mehr: Während Kontrollmechanismen die sichersten Lustkiller sind, ist der Kontrollverlust einer der sichersten Lustquellen. Und weil Frauen die Kontrolle meist nicht einfach so abgeben können, brauchen sie jemanden, im Idealfall den Partner/Ehemann/Liebhaber, der sie ihnen nimmt und sie zur Hingabe zwingt. Aber auf ihren eigenen Wunsch natürlich, auf Bestellung, aus einem tiefen Wissen heraus, was ihnen Lust verschafft. Und das wiederum ist in sich ein Beweis für wahre Emanzipation. Denn sich einem Menschen hingeben zu können, sich ihm seinen Körper und seine verborgenen Winkel seiner Seele (in denen gerade sexuelle Phantasien schlummern) auszuliefern, setzt ein Selbstbewusstsein voraus, das nur dann zum Tragen kommt, wenn sich eine Frau von gängigen Konventionen befreit hat („was muss ich tun, um zu gefallen?“) und in sich verankert ist („ich bin ich, und das gefällt, und wenn nicht, ists mir egal“).

Klar, das heisst nun nicht, dass sich jede Frau irgendwelche Fesseln kaufen soll, nur weil es eben gerade „in“ ist und sich dadurch unter Druck setzen lässt. Darum geht es hier nicht. Und ebenso wenig geht es um die Verherrlichung von zum Teil unglaublich frauen- und sexualitätsverachtenden Bondageszenen, die man sich en masse im Netz ansehen kann. Und es geht in keiner Weise um sexuelle Gewalt. Denn Gewalt will nie Lust bescheren, sondern Macht ausüben und erniedrigen. Sondern, es geht um eine höchst erregende sexuelle Spielart, die von beiden Partnern viel Offenheit und Respekt verlangt und vor allem auch Eines: Phantasie.

Gerade Letzteres bedarf aber wohl je nach dem noch zusätzliche Inspiration. Denn wie sagte es doch kürzlich ein Freund von mir: „Ich glaube, viele Männer würden gerne mal Fesselspiele ausprobieren, scheuen aber davor zurück, weil sie nicht wissen, was sie mit ihrer Partnerin tun sollen, wenn sie dann mal gefesselt vor ihnen liegt.“

Also, wenn dem so ist, empfehle ich die Lektüre von „Das Federspiel„. Nachzulesen hier, in diesem Blog. (Hier gehts zur Diskussion um scharfe Fesselspiele im Forum)

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