Der Glassplitter oder: Männer mögens milde

Von Helene Aecherli, 13. Januar 2012

Männer brauchen mehr Streicheleinheiten, als man glaubt. Vor allem von Frauen.

Dass Männer, selbst wenn sie sich noch so cool, hart oder abgebrüht geben, einen weichen Kern haben, war mir schon immer klar. Aber dass dieser Kern noch weicher sein muss, als primär angenommen, und einer noch zarteren Handhabung bedarf, als es die Erfahrung bisher gelehrt hat, realisierte ich erst, als ich kürzlich mit einem Bekannten (Unternehmer, 47, Single) einen Pfefferminztee trinken war. Unsere Konversation plätscherte friedlich vor sich hin, als er plötzlich zusammenzuckte und nachdenklich auf sein Glas starrte.
„Was ist?“, fragte ich.
„Mein Glas ist kaputt.“
„Wo? Ich sehe nichts.“
„Doch, hier.“
„Wo?“
„Hier.“
„Ach das? Aber das ist ja bloss eine kleine Kerbe.“
„Ich brauche ein neues Glas. Ich will kein Risiko eingehen.“
„Risiko? Was denn für ein Risiko?“
„Der Glassplitter.“
„Ja?“
„Der könnte meinen Magen verletzen.“
„Ach was.“
„Nein, echt.“
„Selbst wenn du einen Glassplitter geschluckt hättest, würde der sofort mit einem Schutzschleim umgeben und direkt in den Verdauungstrakt geschickt. Der käme sogar ganz wieder raus.“
„Nein. Kein Risiko.“
„Glaub mir: Selbst wenn ein Glassplitter im Glas gewesen wäre und du ihn tatsächlich geschluckt hättest – der käme wieder raus. Ganz sicher.“
„Ich will ein neues Glas.“
(Ich kicherte) „Hmm, na ja, vielleicht hast du nicht ganz unrecht: Du könntest unter Umständen schon innerlich verbluten. Hmmm.“
„Mach dich nicht lustig über mich!“
„Würd ich nie wagen! Nein, nein, ich finde, du machst das absolut richtig. So innerlich zu verbluten ist wirklich unangenehm, das sollte man unbedingt vermeiden!“
„Ich meins ernst!“
„Ich auch!“
„Du bist ätzend.“
„Mein Lieber, ich bin ganz bei dir. Wir bestellen jetzt ein neues Glas.“
„Ist dir eigentlich klar, dass du mit deiner Art die Männer verscheuchst?“
„Ach, komm. Ich nehm dich ja bloss hoch!“
„Nein, echt. Wenn du einen Mann willst, musst du einfach netter sein zu den Männern.“
„Aber, das bin ich doch. Ich bin unglaublich nett zu Männern.“
„Nein, du machst sie klein. Und das, Frau Doktor, mögen Männer nicht!“
„Jetzt tu doch nicht so hysterisch. Die Männer ertragen es doch, wenn man sie ein bisschen neckt.“
„Necken schon. Du aber beisst sie. Männer ertragen das nicht.“
„Weicheier.“
„Siehst du. Schon wieder!“
„Ein wirklich toller Typ wird das doch aushalten können.“
„Keine Ausflüchte, meine Dame. Willst du, dass die Männer nicht in Panik von dir weichen, musst du liebevoller zu ihnen sein, dich ein bisschen zurück nehmen, sie bewundern, sie umschmeicheln.“
„Tu ich ja! Ich bin die erste, die bewundert und umschmeichelt, sobald es denn etwas zu bewundern und umschmeicheln gibt.“
„Siehst du! Was habe ich dir gesagt? Du kannst es einfach nicht lassen!“

Er hat sich dann ein neues Glas bestellt und ist nicht verblutet. Ich aber bin danach in mich gegangen. Denn die Kunst des Lebens besteht ja auch darin, selbst Dinge, die man ungern hört, nicht einfach reflexartig von sich zu weisen, sondern sie sorgfältig zu überdenken und zu prüfen. Vielleicht, sagte ich mir, war ich tatsächlich nicht nett genug und gelobte ich mir, mich in Zukunft aufmerksamer zu beobachten und – falls es die Umstände erlaubten – ab und zu durchaus ein wenig Gas zurücknehmen. Denn kurz darauf habe ich eine kleine fast anekdotische Szene erlebt, die belegen könnte, dass oben Diskutiertes möglicherweise nicht völlig aus der Luft gegriffen ist:

Mein Vorgesetzter bog um die Ecke und ging vor mir her, ohne mich zu sehen. Links und rechts von ihm schritten zwei Kollegen von mir. „Hej, Chef!“, rief ich übermütig, denn ich hatte ihn gesucht und wollte ihn etwas fragen.

Es drehten sich alle um. Alle drei.

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