Die wahnsinnig kleine Welt im Dolder Grand

Von Helene Aecherli, 24. Dezember 2011

Als Single muss man beweglich bleiben, und das bedingt, dass man auch vor der Weihnachtsparty in einem Zürcher Edelhotel nicht zurückschreckt. Denn sie hätte ja in die Liga der Jagdgründe eingehen können. Hätte.

 Ja, ich hätte es wissen müssen, ich hätte zu hause bleiben sollen, mit einer Aromakerze an meiner Seite und Antifalten-Silikonfeuchtpads unter den Augen, in der Badewanne oder auf dem Sofa, was Kluges lesend, an einem Oolong-Tee nippend, Entspannungsübungen atmend, egal, was auch immer an diesem Abend den Geist hätte weiter formen können. Aber nein, ich habe es nicht lassen können; getrieben von dieser verdammten Angst, etwas zu verpassen, wenn man die Gelegenheit, die sich einem bietet, nicht ergreift, ging ich letzte Woche an die Dolder Christmas Party, ein Event der Extraklasse, wie man mir sagte, so exklusiv, dass er sich nicht einmal googlen lasse, weil er über die online Community asmallworld ausgeschrieben würde, und das ausschliesslich, eine geschlossene Gesellschaft, die man nur auf Einladung betreten kann, der virtuelle Platinum Room der globalen Jeunesse Dorée, sozusagen, eine winziger Kreis, eine kleine Welt, eigentlich aufregend, sagte ich mir, so ein neues Gefilde, so ein neuer Jagdgrund, „you never know, maybe…“ essemmesste mir ein Freund, jeder erdenkliche Ort könnte zur Bühne einer vielversprechende Begegnungen werden, ein versiffter Bahnhof, ein übervoller Zug, eine Spielwarenecke, eine Theke mit Fleischkugeln, ein gefrorener See, ein Hotelclub, also los.

Aber ach, mit Veranstaltungen und Räumen ist es wie mit Menschen: Man weiss nach zwei Sekunden, ob die Chemie stimmt oder nicht, so wollen es die Gesetze des Ultraspeeddatings, kaum hatte ich die Schleusen passiert, war mir klar, dass ich hier so fehlplatziert war, wie der Muppet-Koch an einem Klassenfest von Internatsschülern, kein Jagdgrund und schon gar kein Grund, um zu Jagen; die Jungs, oft mehrfach beschalt, vielleicht erkältet, vielleicht einfach nur cool, meist gelangweilt grinsend auf der Tanzfläche oder geckenhaft feixend an Stehtischen, vor sich einen Kübel Champagner, um sich herum ein paar Frauen. „Ach, ist das eine geile Party“, sagt einer, die Arme ausgebreitet, den Kopf im Nacken, „alles ist geil, die Musik, die Frauen, die Stimmung!“ – „Was findest du denn so geil?“, schreie ich in sein Ohr, er schaut mich erstaunt an, lässt die Arme fallen. „Ach, ist ganz okee“ – „Okee? Aber eben fandest du es doch noch geil?“ – „Ja, ist es auch, so geil die Party, die Frauen, alles, so geil, so extrem geil…“, und er kippt den Kopf wieder in den Nacken und hebt die Arme und schwebt weiter, vorbei an einem Rücken im grauen Kashmirpullover, der sich in Pose wirft, über den Schultern ein buschiges Fell, das merkwürdig erschlafft wirkt, einer toten Katze ähnlich. „Sag mal, was trägst du da? Ist das Katze?“ – „Was?“, der Rücken dreht sich um und beugt sich zu mir herunter. „Hast du mich eben gefragt, ob das Katze ist? Habt ihr das gehört?“, pustet der Rücken in die Runde, „die hat mich gefragt, ob das Katze ist! Katze! Schätzchen“, der Rücken kommt ganz nah, „das ist Katze hoch zehn!“ – „Katze hoch zehn?“ – „Katze hoch zehn.“ – „Was ist Katze hoch zehn? Kunstpelz?“ – „Widerlich“, der Rücken zuckt verachtungsvoll und dreht sich ab, verschwindet in der dunklen Menge der Körper, die in einem zähen Strom durch den Raum mäandrieren, stehen bleiben, um Aufmerksamkeit buhlen, wieder in sich zusammensinken auf ihrem Weg, lethargisch zucken im rhythmischen dreissig-Grad-Schonwaschgang der Musik, ein pornoesker Reigen, auf den Abschuss wartend, wohlahnend, dass er nie kommen wird.  „Meine Güte, ist das langweilig hier“, kräht eine schwarze Hornbrille, „ist ja fast nicht zum Aushalten“ –  „Echt?“ – „Echt fucking wahr.“ – „Ach ja? Warum denn?“- „Diese Typen, hier. Hatte sie früher jeden Abend in meinem Club, hältst du auf die Dauer nicht aus, kleine Welt.“ – „Und trotzdem bist du hier?“ – „Nur wegen meines Kumpels, Süsse, der will das immer wieder mal sehen.“ – Du hattest einen Club?“- „Yupp.“ – „Wie hiess er denn?“  – „Irrelevant, Süsse, irrelevant.“ – „Aber wo war er?“ – „Irrelevant, völlig irrelevant. “ – „Nein, find ich nicht. Ob Sursee, Dietlikon, St. Moritz oder Zürich ist nicht irrelevant.“ – „Doch, irrelevant, total irrelevant.  Frag nicht so viel, Süsse. Es macht dich nicht schöner!“

A damn small world, indeed.

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