Explosionsgefahr: Vermeiden Sie Chemiefabriken oder das Innere von Booten!

Von Helene Aecherli, 10. September 2011

Im selben Geschäft, das mir vertiefte Einblicke in die Ingenieurskunst der neusten Generation Männer-Sextoys bescherte, entdeckte ich eine Preziose, die mich auf Anhieb faszinierte. Sie lag – wie das bei den meisten Leckereien so ist – direkt neben der Kasse, war nicht zu übersehen und machte sofort Appetit: „Couple’s Delight“ hiess das Ding, ein Vibrator für Frauen mit Fernbedienung. Die Maschine sieht aus wie eine Riesencrevette, lässt sich einführen, ist an jegliche Anatomie anpassbar und eröffnet einem dank der Fernbedienung völlig neue Horizonte, so die Verkäuferin. Neue Horizonte? Ich gebe zu, ich war im ersten Moment ein bisschen langsam. Was denn für Horizonte? Oh, stellen Sie sich vor, Sie befinden sich an einer Party, nippen an einem Glas Champagner und machen gepflegten Small Talk, während Ihr Partner fünf Meter hinter Ihnen steht und die Fernbedienung betätigt. Aha! Party ist gut, dachte ich sofort, aber ebenso aufregend wären ein Businessdinner, eine Vernissage, ein Museumsbesuch, ein klassisches Konzert oder eine Vorlesung, überall dort, wo gegen aussen gediegene Kontrolliertheit Standard ist. Welch Herausforderung der Fassade. Welch Spiel mit der Contenance. Grossartig!

Nun ist es leider so, dass es gerade bei technischen Errungenschaften immer wieder vorkommt, dass sie den Erwartungen nicht gerecht werden und vor allem: dass sie das Credo „form follows function“, die praktische Anwendbarkeit des Designs, schmerzhaft vernachlässigen. Kurz: Die Riesencrevette ist ein Flop. Sie brummt wie ein Traktor, ist schlicht zu gross, denn egal wie sehr man sie auch wendet und biegt, mit diesem Ding zwischen den Beinen lassen sich keine zwei Schritte machen, geschweige denn, stehend und erst noch gepflegt Champagner nippen. Zudem ist die Fernbedienung so druckempfindlich, dass man sie nicht in der Schublade verschwinden lassen kann, ohne vorher die Batterie herauszunehmen – was, wenn man dies nicht tut und wirklich saumässiges Pech hat, ernsthafte gesundheitliche Konsequenzen haben könnte: Ich erschrak nämlich furchtbar, als es in der Schublade oben rechts plötzlich heftig zu Rumpeln begann: Ratten, Erdbeben, Einbrecher, Voodoo, Poltergeist? Nein, der neue Vibrator. Die Fernbedienung war mit einer entsorgten Duftkerze in Berührung gekommen. „Schock wegen ferngesteuertem Sextoy“. Wie bitte, hätte das in einer Kranken- und Versicherungsakte ausgesehen? Von den Schlagzeilen danach ganz zu Schweigen.

Immerhin muss man den Machern zu gute halten, dass sie die potentiellen Kapriolen ihres Geräts keineswegs unterschätzen und sie auch nicht verschweigen. In der Bedienungsanleitung heisst es nämlich: „Aufgrund der möglichen Störungen, die dieser Vibrator im Navigationssystem und Kommunikationsnetzwerk eines Flugzeugs verursachen kann, ist die Benutzung dieses Gerätes während des Startens und Landes in den meisten Ländern ungesetzlich.“ (Bliebe nachzuforschen, welche Länder dies denn erlauben würden.) Weiter heisst es: „Benutzen Sie dieses Produkt nicht an Orten, an denen Sprengarbeiten ausgeführt werden, oder an explosionsgefährdeten Orten, wie zum Beispiel Tankstellen, Tanklager, im Inneren von Booten oder in Chemiefabriken, oder an Orten, an denen Brennstoffe oder Chemikalien verladen oder gelagert werden und die Luft Chemikalien oder Partikel wie Staub oder Metallpulver enthält. An so einem Ort können Funken eine Explosion oder ein Feuer verursachen, die zu Verletzungen oder sogar dem Tod führen können.“

Ziemlich kapriziöses Ding also – dem man aber trotz allem eine wirklich gute Eigenschaft attestieren muss: Es hat sich nämlich als ein hervorragender Ideenlieferant entpuppt (und vielleicht gibt es ja irgendwann sogar eine überarbeitete Auflage, die „Couple’s Delight 2“): Die Idee mit der Vernissage, etwa, an der müsste man arbeiten – oder die mit dem Inneren eines Bootes. So ein triefend heisser lärmiger Maschinenraum, verschärft durch ein bisschen Seegang – das wäre mal anzupeilen. Dann aber ganz ohne Spielzeuge.

 

 

 

 

 

 

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