„Mach mir endlich das O, Schatz!“

Von Helene Aecherli, 21. Juni 2011

Kürzlich war ich mit einem guten Kollegen (single, 49) spätabends ein Bier trinken. Das heisst, ich hielt mich an ein Panaché, weil noch rekonvaleszent nach einem Kater, er war nach drei Stangen gemütlich beschwipst. Wir redeten, gemäss der konventionellen Gesprächspyramide, erst über Politik, im Speziellen über die Umwälzungen im Nahen Osten, dann über unsere Arbeit, unsere gemeinsamen Freunde, und kamen dann ziemlich schnell zum Wesentlichen: Zu Beziehungen und Sex. Oder besser gesagt, direkt zum Sex, und zwar zu unserem Lieblingsthema, den Bedingungen der Genese des weiblichen Orgasmus. Ich plädierte dabei, wie schon im Text „Ich bin gekommen, jetzt geh ich überall hin“ (http://blogs.annabelle.ch/sex-and-sensibility/ich-bin-gekommen-jetzt-geh-ich-uberall-hin/ ) für die Umkehrung von Vorspiel und Hauptspiel, weil alle Praktiken, die Frauen mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Orgasmus bringen (Zungen- und Handarbeit) als blosses Warm up, als Vorbereitung für den Hauptakt, den Koitus, definiert werden, der allein jedoch den wenigsten Frauen einen Höhepunkt beschert. Warum, fragte ich, also nicht das Vorspiel gleich zum Hauptspiel, und das Hauptspiel zu Nachspiel erklären?

Der Kollege: „Das verstehe ich nicht. Für mich gibt es im Sex weder ein Vorspiel noch einen Hauptakt, sondern nur das Spiel.“

Ich: „Aha! Sehr interessant. Find ich super. Lass uns eine Petition lancieren zur Aufhebung der Trennung von Vor- und Hauptspiel.“

„Ich weiss gar nicht, was du hast. Für mich ist Sex immer nur ein ganzes Spiel gewesen. Ist doch normal!“

„Hast du eine Ahnung. Ein bisschen Rubbeln hier und dort, und nach zehn Minuten heisst es: „Schatz, können wir jetzt mit dem Vorspiel aufhören?“ Oder: „Schatz, ich kann jetzt nicht länger warten. Darf ich?“ Das, mein Lieber kommt leider nur allzu häufig vor.“

„Bullshit.“

„Nein, red doch mal mit den Frauen.“

„Warum sagt ihr den Typen nicht einfach, was ihr wollt. Ihr Frauen seid ja manchmal schon verklemmt.“

„Kann  sein. Aber als ich einen Mann mal gebeten hatte, seine Hand doch bitte erst mal für längere Zeit einen Zentimeter weiter rechts zu betätigen, hat er nur zu mir hochgestarrt und gesagt: „Sei still, ich will selber.“

„Pech.“

„Ja.“

„Für mich beginnt der Sex halt bereits beim Einkaufen an Nachmittag.“

„So so, Rammeln in der Umkleidekabine?“

„Nein, das wäre zu plump. Aber ich knabbere meine Liebhaberin schon mal an, fummle ein bisschen an ihr rum, das turnt sie jeweils ganz schön an, und später…“

„Na ja, ich weiss nicht, ich sehe schon die Schlagzeile: Liebestoller, älterer Herr fummelt in der Öffentlichkeit herum…“

„…. darf ich bitte weiterfahren?“

„Stattgegeben.“

„… und später mache ich ihr dann das Alphabet.“

„Das, bitte was?“

„Das Alphabet.“

„Pulversuppe zum Dinner?“

„Ach, Schätzchen, noch nie was vom Alphabet im Sex gehört?“

„Äh, nein.“

„Eine besondere Form des Cunnilingus. Ich beginne sie mit der Zunge zu liebkosen und lecke dabei das Alphabet – von Aaaaaa, Beeeee, Ceeeee bis Zetttt.“

„Ach ja? Echt noch nie davon gehört. Und das kommt an?“

„Und wie. Die Frauen sind erst überrascht  – hach, was machst du da? – dann sind sie begeistert.“

„Hmmm, ich bin da skeptisch. Ich stelle mir das eher nervig vor. Dieses gestresste Herumeiern von A bis Z.“

„Kein Herumeiern, sondern gezieltes und blitzschnelles Vorgehen.“

„Aber mal ehrlich: Eigentlich will die Frau doch ab einem gewissen Moment nur noch das I und das O. Aber bitte kein M, N oder X!“

„Glaub mir, die Frauen werden süchtig danach.“

„Ach , ich weiss nicht. Ich würde mir wohl die ganze Zeit überlegen: Welcher Buchstabe war denn das jetzt bloss? Was war das für ein Schlenker? Und welcher kommt als nächstes? Und würde vor lauter Buchstabenraten vergessen, dass ich gerade Sex habe.“

„Spätestens beim Deee hören die Frauen auf zu denken.“

„Und schreien dann: Bitte, mach mir doch jetzt schon das Oooo, Schatz! Überspring dieses verdammte Kaaa.“

„Nichts da. Die Reihenfolge wird eingehalten.“

„Machst du die Umlaute jeweils auch? Das Ä, Ü und Ö?“

„Natürlich.“

„Sind aber Zungenbrecher. Da hätte ich wohl ein schlechtes Gewissen.“

„Keine Sorge, ich bin trainiert.“

„Was ist, wenn jemand das griechische oder russische Alphabet will?“

„Müsste ein bisschen üben, wäre aber kein Problem!“

„Oder das Arabische?

„Jetzt sei nicht pingelig.“

„Oder chinesische Schriftzeichen?“

„Du nervst.“

„Wieso, das sind doch ganz pragmatische Fragen Ich könnte mir vorstellen, dass ich das arabische Alphabet von rückwärts geleckt sehr aufregend finden könnte.“

„Weisst du was?

„Was’“

„Du redest zu viel. Probiers doch einfach mal aus!“ 

„Aye, aye, Sir!“

Dieses Gespräch hat übrigens fast genauso stattgefunden. Noch sind Buchstaben, ob lateinische oder arabische, für mich Arbeitsinstrumente oder Hilfsmittel zur Verständigung. Über alle weiteren Nutzungsmöglichkeiten werde ich zu gegebener Zeit Bericht erstatten.

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